Samstag, 13. November 2010

0.23 h

Als wir aus der Bahn stiegen, leuchtete an der Haltestelle eine Werbung für einen italienischen Hersteller von Kaffeevollautomaten. Die Werbung zeigte die Silhouette einer Espressotasse. Diese Espressotasse gab sozusagen den Blick frei auf das, was dahinterlag. Und das war eine kitschige Postkarte mit der Aufschrift: "Baci da Venezia". Küsse aus Venedig. Davon sollte an diesem Abend noch öfter die Rede sein.

Ulrich Tukur ist mal wieder auf Tournee. Mit einer neuen CD: Mezzanotte. Nachdem wir uns von dem Schock erholt hatten, dass er dieses Jahr ohne die Rhythmus Boys unterwegs ist, sicherten wir uns schnell Tickets und kamen so auch mal in den Genuss, uns die neue Tonhalle anzusehen. Angeblich wurde der fiese "Klopfgeist", der die Tonhalle vor ihrem Umbau zu terrorisieren pflegte, mithilfe einiger extra aus London eingeflogener Spezialisten besiegt. Schade, er hätte sich sicher prächtig mit Tukurs "Nachtgespenst" verstanden.

Das Programm führt Zuschauer und -hörer durch Raum und Zeit. Tukur und seine siebenköpfige "Band" (Klavier, Schlagzeug, Kontrabass, Klarinetten/Saxophon, Posaune/Tuba/Gitarre, Violine und Cello) erwecken die Nacht zum Leben. Mal sind wir in Berlin, dann in Paris, dann in Venedig, zwischendurch auch mal irgendwo in England.

Zum Programm "Mezzanotte" (das länger ist als die CD) gehört eine Reihe von fremdsprachigen Liedern. Bevor er diese Lieder anstimmt, präsentiert Tukur dem Publikum jeweils eine kleine Einführung. Mit wenigen Worten skizziert er eine Nachtszene, um dann unter vollem Körpereinsatz den Inhalt des Liedes nicht "nach"zuerzählen, sondern vorwegzunehmen.

Dies ist nicht nur ein schöner Service für diejenigen, die des Französischen, Italienischen und Englischen nicht mächtig sind. Nein, diese Theatereinlagen sind die Highlights des Abends. Tukur beweist sein großes Talent als Geschichtenerzähler. Da sind zum Beispiel Monsieur Dupontel und seine Sekretärin Madeleine miteinander auf "Geschäftsreise" ... Sie haben schon die eine oder andere Rotweinflasche miteinander geleert und Monsieur Dupontel versucht die zaudernde junge Dame mit Maurice Chevaliers "J'ai peur de coucher tout seul" in sein Bett zu locken. "Je vous avertis que je me couche à minuit vingt-trois", erfahren wir. Die wohl dümmste Anmache der Welt ("Ich habe Angst, allein zu schlafen") wird noch getoppt durch die Information "Ich setze Sie davon in Kenntnis, dass ich mich um 0.23 Uhr zur Ruhe begebe!". Welche Frau könnte da widerstehen?

Ulrich Tukur hingegen konnte niemand im Saal widerstehen. Das Publikum war merklich anders zusammengesetzt als noch im Savoy, wo wir die Tour zu "Morphium" und "Salto Mortale" gesehen haben. Viel mehr "Düsseldorf", als uns lieb war.

Der Anblick der blasierten, edel und teuer gekleideten, aber leider fast durchgängig sauertöpfisch dreinblickenden älteren Damen und Herren ließ vermuten, dass wir es hier nicht gerade mit den genussorientierten, lebensbejahenden Nachtmenschen zu tun hatten, die Tukur und seine Band in ihren Liedern thematisisieren. Dennoch schien "man" sich sehr gut -- wenn auch nicht überschäumend enthusiastisch -- zu amüsieren.

Was ich an Ulrich Tukur mag, ist unter anderem seine Vorliebe für Improvisationen, für das Brecht'sche Durchbrechen der "unsichtbaren Wand" zwischen Bühne und Zuschauerraum. Zu Ilse Werners "Du und ich im Mondenschein" erzählte er am Bühnenrand sitzend und mit den Beinen baumelnd die Geschichte von Egon und Emma, die in Berlin im Mondenschein auf einer Parkbank sitzen.

In der 1. Reihe saß ein junges Mädchen, das sicher 20 Jahre jünger als wir war und damit ungefähr 40 Jahre jünger als der Altersdurchschnitt im Saal. Eine Schönheit mit (zumindest sah es im Scheinwerferlicht so aus) kalkweißem Teint und langen, leuchtend roten Locken. Ich weiß nicht, ob sie nur durch ihre auffällige Erscheinung Tukurs Aufmerksamkeit erregte oder ob er sie eventuell sogar getreten hatte, denn die 1. Reihe ist in der Tonhalle recht nah an der Bühne und er ließ wie gesagt die Beine baumeln. Jedenfalls bekam ich mit, dass er sie fragte, ob sie Emma hieße (was mich natürlich gleich an Christian Morgensterns "Möwenlied" denken ließ) und holte sie auf die Bühne. Erstaunlicherweise für so ein junges Mädchen war sie auch nicht zu schüchtern, um sich tatsächlich neben ihn zu setzen und "Emma" zu mimen. Allerdings war es ihr dann auf die Dauer wohl doch unheimlich, jedenfalls unterbrach sich Tukur gegen Ende, um ihr zur Beruhigung "Is' gleich vorbei" zu versichern. Zum Abschied bekam sie dann auch noch ein "bacio". Sehr nette Idee, das Ganze.

Für die junge Dame war es sicher ein unvergesslicher Abend. Aber auch wir fühlten uns sehr gut unterhalten, wobei mir die erste Hälfte, in der es mehr "Theater" gab, besser gefiel als die zweite, die sich mehr auf die Musik konzentrierte, denn im Großen und Ganzen muss ich zugeben, dass mich die Lieder von "Mezzanotte" nicht so richtig ansprechen.
Meiner Begleitung gefiel ein aufwendig arrangiertes, aber sehr schmalziges Lied, an dessen Namen ich mich schon gar nicht mehr erinnere, das ich aber als einen argen Stilbruch empfand.

Lachen mussten wir beide über Tukurs wirklich einmalig gute Imitation von Paolo Conte bei "Venezia, la lune è tu" - komplett mit Gondoliereverkleidung.

Mein Highlight war ein von Tukur und seinem Pianisten selbst geschriebenes Lied namens "Willy Williams". Es erinnert von der Grundidee her ein wenig an David Lynchs "Lost Highway", wobei sich Tukur vermutlich nicht von Lynch inspirieren ließ, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei derselben Quelle bediente, bei der sich auch der amerikanische Regisseur seine Idee holte. Der Vortrag war sehr Brecht/Weill-mäßig, seine Körpersprache "robotig", wobei ich nicht weiß, ob das eine extra für Düsseldorf einstudierte Hommage an Kraftwerks "Wir sind die Roboter" war oder ob er das jeden Abend so präsentiert. Ich jedenfalls fühlte mich für die Dauer des Liedes komplett in die Handlung und die fiktive Welt des Liedes versetzt und ließ mich so richtig einlullen. Einfach großartig, diese hypnotische Wirkung der Performance.

Gefallen hat mir auch der sehr schöne Einsatz der Beleuchtung in der Kuppel der neuen Tonhalle. Diese Kuppel ist eigentlich während der Vorstellung komplett schwarz, aber die Architekten haben dort oben eine Reihe von Lampen angebracht, die einen Nachthimmel suggerieren. Wenn mich nicht alles täuscht, guckten wir von unseren Plätzen aus auf den Großen Wagen. Jedenfalls passte der künstliche Nachthimmel an diesem Abend natürlich ausnehmend gut ins Programm und wurde dementsprechend immer mal wieder an- und ausgeschaltet, was auch Ulrich Tukur dazu verleitete, den Kopf in den Nacken zu legen und sich die Konstellationen genauer anzusehen.

Die Zugaben bestanden dann aus dem bereits bei Salto Mortale sehr großartigen "Meraviglioso" und dem melancholischen letzten Gruß "Lili Marleen" (statt des traditionellen "La Paloma", das den Rhythmus Boys vorbehalten bleibt). Ebenfalls eine großartige Version des Klassikers. Und ein kleiner Hinweis auf den "Geburtstags-Tatort", den die ARD am 28.11. ausstrahlt: Ulrich Tukur als sterbenskranker Kommissar Murot, der seinem Tumor den Namen "Lilly" gegeben hat ... (Interview in der FAZ zum Thema Mezzanotte, Tatort und Peter Zadek)