Mittwoch, 23. Februar 2011

Daniel Domscheit-Berg: Inside WikiLeaks

Letztes Jahr war ich vom Hype um WikiLeaks wirklich genervt. Grundsätzlich nervt mich so ziemlich jeder Hype, aber in diesem Fall wurde ich (besonders auf Twitter) alle 3 Minuten mit den neusten Meldungen über eine Organisation bombardiert, deren Heilsversprechen mir von Anfang an suspekt vorkam. 100%ige Transparenz, keine Geheimnisse mehr -- das sollte das Rezept für eine bessere Welt sein? Ich bin ja in vielen Dingen sehr naiv, aber dass man mit dieser einfachen Losung alle Probleme der Welt, ja alle Kriege der Welt!, würde beseitigen können, das fand ich dann doch sehr illusorisch.

Ich bin ein großer Anhänger von investigativem Journalismus. Man muss kein Zyniker sein, um zu glauben, dass Kontrollen zwar richtig und wichtig sind, in vielen Fällen aber leicht zu umgehen sind und jeden Tag und immer wieder leicht umgangen werden. Sei es durch geschickte Strategien oder mit krimineller Energie. Und wenn dann das Unrecht im Geheimen blüht, bedarf es eben manchmal einfach eines mutigen Journalisten, der die ganze Misere an die Öffentlichkeit zerrt und mit dem darauffolgenden Skandal eine Art "Großreinemachen" initiiert.

Aber wer zum Teufel waren eigentlich diese Typen von WikiLeaks, diese Computernerds, die sich plötzlich als die einzig wahre Anlaufstelle für sogenannte "Whistleblower" präsentierten? Wer waren sie, was qualifizierte sie für ihre Aufgabe, warum gerade sie? Und wieso hörte ich ständig Assange, Assange, Assange? Gab es in dieser Organisation überhaupt noch jemand anderen? Gerüchteweise hörte ich, dass einige Mitarbeiter kurz vor dem ganz großen Durchbruch ausgestiegen waren. Aha! Warum das? Warum so kurz vor dem wichtigen Schritt?

Daniel Domscheit-Berg, ein deutscher Informatiker, hat ein Buch über seine Zeit bei WikiLeaks geschrieben. Das Buch heißt "Inside WikiLeaks -- meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" und gibt Antwort auf genau diese Fragen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe nur von Julian Assange gehört, weil Assange in der Tat WikiLeaks ist. Die Organisation ist sein Brainchild, lebt von seiner Vision, durch seine Kontrolle. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Auf die Frage, was Julian Assange und seine Mitstreiter als Retter des investigativen Journalismus qualifizieren würde, scheint es nach der Lektüre des Buches meiner Meinung nach nur eine Antwort zu geben: nichts.

Auf Seite 192 ff. zeigt sich Domscheit-Berg erstaunt, dass inmitten des ganzen Hypes um die diversen WikiLeaks-Veröffentlichungen die Washington Post einen Hintergrundbericht über die amerikanische Waffen- und Rüstungsindustrie druckte, ganz ohne Hilfe von WikiLeaks. Er wundert sich, dass eine alteingesessene Zeitung wie die Washington Post (immerhin diejenige, die den Watergate-Skandal aufdeckte!) es schafft, ohne die Hilfe von ein paar unorganisierten Computerhackern auszukommen? Dies erscheint besonders absurd, wenn man bedenkt, dass er die vorangegangenen 192 Seiten mit Geschichten gefüllt hat, die belegen, bis zu welchem Grad WikiLeaks selbst ein wahrer "Chaos-Computer-Club" war/ist! (An dieser Stelle entschuldige ich mich vorsichtshalber gleich beim echten Chaos Computer Club, der sicher eher Chaos verbreiten will, als dass er selbst chaotisch ist ...)

Auf die Frage, was denn an WikiLeaks jetzt genau so gefährlich sei, antwortete Domscheit-Berg in einem Interview, dass man den Untertitel verschieden interpretieren könne. Mir scheint, die Website ist vor allem für die Whistleblower gefährlich, da sich die Macher dankbar auf alles stürzen, was man ihnen so zuspielt, es aber nicht für nötig gehalten haben, in ihren Strukturen einen Schutzmechanismus für die Whistleblower zu etablieren.

Das Beispiel des amerikanischen Soldaten Bradley Manning zeigt, dass man die Informanten manchmal ganz einfach vor sich selbst schützen muss. Aber das ist den Damen und Herren bei WikiLeaks nicht in den Sinn gekommen, sie sind zu sehr damit beschäftigt, Daten zu sammeln und (möglichst unredigiert) zu veröffentlichen, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Dass es Manning unter Umständen nicht gefallen würde, wenn alle Welt über sein Irak-Video redet, aber niemand weiß, dass das Video von ihm kam, geschenkt. Da muss er halt mit leben ... Wollte er aber nicht. Und jetzt sitzt er seit Monaten ohne Anklage in Haft.

Der eben erwähnte Chaos Computer Club kam mir übrigens nicht ganz zufällig in den Sinn. Domscheit-Berg ist mit den Clubbern vertraut und zum Teil wohl auch befreundet. Die offiziellen Sprachrohre des CCC kritisieren ihn und sein Buch aber heftig. "Inside WikiLeaks" lenke von der Sache ab, führe dazu, dass sich das Interesse der Öffentlichkeit weg von der Website und damit auf die persönliche Ebene verlagere. Man solle die Schlammschlacht doch bitte lassen und zur eigentlichen Arbeit zurückkehren.

Dieser Kritik kann ich mich nicht ganz anschließen. Wie bereits oben kurz erwähnt, nervte mich am Hype um WikiLeaks vor allem der Personenkult, der um Julian Assange betrieben wurde. Mich interessierte es, warum man immer nur von ihm hörte. Und das Buch gibt mir nun die Informationen, die mich das Unternehmen WikiLeaks besser verstehen lassen.

Das Buch ist gut geschrieben, liest sich flüssig. Was vermutlich daran liegt, dass der Techniker Domscheit-Berg eine Ghostwriterin engagiert hat, die ihr Handwerk versteht: Tina Klopp von Zeit Online.

Es ist wahr, dass sich das Buch auf persönliche Dinge konzentriert, aber es ist keine Hasstirade, keine Propaganda, will keine Schlammschlacht auslösen und die dreckige Wäsche, die gewaschen wird, ist relativ unspektakulär. Das Buch liest sich wie eine Art Tagebuch: was ich die letzten 3 Jahre erlebt habe. Man glaubt Daniel Domscheit-Berg, man nimmt es ihm ab, dass sich die Dinge tatsächlich so wie beschrieben zugetragen haben, dass er mit diesem Buch das Versprechen der Transparenz einlösen wollte.

Es bleiben ein paar Fragen. Zum Beispiel die nach der Beteiligung von Jacob Appelbaum, der im Buch kaum vorkommt. Sein Name ist nun aller Welt bekannt, weil das amerikanische Justizministerium bei diversen Social Media Sites (so wird zumindest vermutet) Druck ausgeübt hat und die Herausgabe seiner persönlichen Daten verlangt hat. Bekannt gemacht hat diese Forderung nur die Website Twitter, aber man kann wohl davon ausgehen, dass sich das Ministerium nicht auf Twitter beschränkt hat. Seitdem hat Appelbaum jedes Mal, wenn er die US-amerikanische Grenze überquert, mit Schikanen zu kämpfen. (Auch von der isländischen Parlamentarierin Birgitta Jonsdottir wollte das US-Justizministerium persönliche Daten konfiszieren, aber sie kommt im Buch durchaus vor.) Wenn Appelbaum eine solche Randfigur war, wie das Buch suggeriert, was will dann das US-Justizministerium ausgerechnet von ihm? Aber nun gut, vielleicht geht es hier um den Schutz der Beteiligten in einem laufenden Verfahren.

Aber im Grunde nehme ich ihm seine Story wie gesagt durchaus ab. Das Buch wirkt nicht wie "die große Abrechnung mit meinem ehemaligen besten Freund". Domscheit-Berg kommt im Selbstporträt wie ein typisch deutscher Kleinbürger rüber: Er mokiert sich über Assanges Kleidung, über seine Tischmanieren, Domscheit-Berg ist der einzige, der mal ein Fenster aufmacht, wenn mehrere Leute tagelang in der Bude gehockt haben, regt sich über Unpünktlichkeit auf und bezahlt lieber eine Zugfahrkarte doppelt, als sich auf lange Auseinandersetzungen mit einem italienischen Schaffner einzulassen usw. usf.

Assange hingegen wirkt wie ein "wahn"-sinniger. Vor allem leidet er unter Größen- und unter Verfolgungswahn. Er hat die großen Ideen, er sagt, wo es langgeht, er stellt die utopischen To-do-Listen auf, überlässt die konkrete Umsetzung dann aber lieber anderen, d. h. vor allem Daniel Domscheit-Berg. Seine offensichtliche Unlust, sich mit den praktischen Details seiner Arbeit zu beschäftigen, kontrastiert scharf mit seinem Wunsch, alles unter Kontrolle zu haben. Er will alle Entscheidungen selbst fällen (oder zumindest gefragt werden), ist dann aber im entscheidenden Moment nicht erreichbar und wirft seinen Mitstreitern vor, sie würden ihn hintergehen, wenn sie dann ohne ihn handeln. Assange gibt sich mutig der Illusion hin, er könne trotz der wachsenden Datenflut, die bei seiner Website eingegangen ist, alles selbst machen, wacker ignorierend, dass der Tag nur 24 Stunden hat, und alle vor den Kopf stoßend, die mitarbeiten wollen.

Und so ist das Buch "Inside WikiLeaks" vor allem die Chronik des Aufstiegs und des Verfalls einer Freundschaft. Domscheit-Bergs Hauptmotivation beim Verfassen des Buches scheint tatsächlich gewesen zu sein, seinen Namen reinzuwaschen, was ihm in meinen Augen auch gelungen ist. Außerdem zeigt das Beispiel WikiLeaks überdeutlich, dass eine Organisation, vor allem eine Organisation, die nur als Dienstleister im Internet existiert und keine Entsprechung im "real life" hat, dass eine solche Organisation, wenn sie erfolgreich sein will, ein Gesicht braucht, ein Aushängeschild, einen Namen, mit dem die Leute das Unternehmen verbinden.

Und wenn Domscheit-Bergs neue Plattform, OpenLeaks, überhaupt eine Chance haben soll, dann ist ein Buch natürlich eine gute Gelegenheit, sich diesen Namen zuzulegen, sein Gesicht der Öffentlichkeit zu präsentieren, die Organisation nicht nur bekannter, sondern auch menschlicher zu gestalten. Es muss ja nicht gleich wieder so ein Personenkult wie bei Julian Assange entstehen.

Ich glaube, dass OpenLeaks eine gute Idee ist. Im Gegensatz zu WikiLeaks will OpenLeaks kein "Publisher" sein, will die Daten, die bei der Website eingehen, nicht selbst veröffentlichen, sondern will sie nur sammeln und technisch aufbereiten und dann anderen Organisationen (Zeitungen, NGOs usw.) als Arbeitsgrundlage zur Verfügung stellen. Die Techniker bei OpenLeaks wollen sich also auf den "Datenbank-Aspekt" beschränken und den Umgang mit den gesammelten Daten anderen überlassen.

WikiLeaks liegt derweil mehr oder weniger brach. Assange ist mit sich selbst und seiner Anklage in Schweden beschäftigt, Domscheit-Berg hat die noch unveröffentlichten Daten, die bis zu seinem Ausstieg/Rausschmiss im September 2010 eingegangen waren, mitgenommen und sichergestellt (?!!?), wer sich als neuer Whistleblower bei WikiLeaks melden will, gerät an einen 17-Jährigen, der vermutlich über die Lebenserfahrung und die "communication skills" eines typischen 17-Jährigen verfügt.

Ich kann "Inside WikiLeaks" jedenfalls nur empfehlen. Mir hat das Buch genau die Fragen beantwortet, die sich mir gestellt haben. Die wichtigste offene Frage ist jetzt nur: Wie geht es weiter, jetzt, wo überall neue Whistleblower-Plattformen aus dem Boden sprießen? Wird die Welt besser werden?

WikiLeaks
OpenLeaks
GreenLeaks (die neue Onlineheimat von Birgitta Jonsdottir)