Sonntag, 25. September 2011

Thank you, Michael, Peter, Mike and Bill

Am Mittwoch haben sich R.E.M. offiziell aufgelöst. Nach 31 Jahren Bandgeschichte und nachdem sie gerade dieses Jahr erst ein neues Album veröffentlicht hatten. Aber vielleicht war das "Collapse" im Albumtitel "Collapse Into Now" schon ein Hinweis. Wirklich überrascht war dann auch niemand.

Seit Bill Berry die Band verlassen hatte, hatte sich die Dynamik unter den verbliebenden 3 Mitgliedern geändert. Immer wieder war davon die Rede, dass man nicht gerade regelmäßig miteinander sprach und selbst auf Tour keine Minute mehr als nötig miteinander verbrachte ... Michael Stipe in New York, Mike Mills in Athens und Peter Buck in Seattle lebten nicht mal in derselben Zeitzone. Und so waren dann die 4 Zeilen auf der Band-Homepage (die mittlerweile allerdings ein wenig angewachsen sind) ein unaufgeregtes Ende für eine unaufgeregte Karriere, die den Soundtrack zu meinem Leben lieferte.

R.E.M. waren eine großartige Liveband. Aber die letzten Konzerte waren alle nicht so toll für mich. Oberhausen in der riesigen Halle? Zu unpersönlich. Wiesbaden auf dem Bowling Green? Es wollte keine rechte Stimmung aufkommen und die Band schien eher für die DVD-Kameras zu spielen als fürs Publikum. Das letzte Konzert 2008 auf der Loreley war ziemlich verregnet und wahrscheinlich lag es einfach an mir selbst und daran, dass es mir an dem Tag nicht gutging, dass ich es nicht genießen konnte. Das war mal anders.

Ich kopiere hier mal einen Post aus dem Rolling-Stone-Forum herüber, den ich am 3.7.2007 verfasst habe.
Es ging um das Konzert von R.E.M. auf dem Roncalliplatz in Köln am 12. Mai 2001. Das beste Konzert meines Lebens. Die wenigen Clips, die es auf youtube gibt, zeigen schön, wie unglaublich gut die Stimmung war.




R.E.M. anno 2001: das Konzert meines Lebens ...

Es ist Mai 2001 und R.E.M. wollen auf dem Roncalliplatz in Köln ein Konzert umsonst geben. Ich überlege, ob ich da hingehen soll. Einerseits will ich R.E.M. natürlich gern sehen, andererseits habe ich keine Lust, schon am Vorabend auf dem Gelände zu campen.

Es wird Samstag. Am Abend soll das Konzert sein.
Ich habe schlecht geschlafen, stehe früh auf und tigere durch die Wohnung. "Na, du kannst nicht jetzt schon fahren, was machst du denn dann den ganzen Tag da?" Vorsorglich habe ich mich mit niemandem verabredet. So kann ich immer noch kneifen. Ich beschließe, doch nicht hinzufahren. Bescheuerte Idee, da bekommt man ja eh keinen Platz mehr ...

Gegen Mittag gebe ich mir dann aber doch noch einen Ruck und denke mir: "Was soll schon passieren? Dann bist du halt umsonst nach Köln gefahren ..." Gesagt, getan. In Köln angekommen, springe ich noch schnell in die Bahnhofsbuchhandlung, um mir Lektüre für die Wartezeit zu besorgen. Und wer strahlt mich da vom Cover der englischen Q an? Michael Stipe. Ein gutes Omen!

Ich komme aus dem Bahnhof und statt der erwarteten Horden von Fans sehe ich nur die üblichen Samstagsshopper. Mir wird mulmig. Immerhin, jetzt, wo ich schon mal da bin, will ich das Konzert natürlich auch sehen. Ich umrunde den Dom. Schließlich sehe ich die Bühne! Puh! Sie haben sie vor dem Römisch-Germanischen Museum aufgebaut, so dass der Platz eher breit als lang ist. Und wider Erwarten gibt es auch noch ein Plätzchen für mich. Hinterher hab ich erfahren, dass ich unglaubliches Glück hatte. Leute, die nur wenig später als ich ankamen, wurden nicht mehr auf den Platz gelassen. Angeblich zu voll. Um mich herum war allerdings noch bequem Luft.

Links von mir sitzt ein peruanisches Pärchen. Oder täuscht mich mein Gedächtnis? Egal, zumindest kommen sie irgendwo aus Südamerika. Ihre Muttersprache ist jedenfalls Spanisch, sie sind nur kurz in Deutschland, große R.E.M.-Fans und können es kaum fassen, dass sie die Band auf ihrem kurzen Trip nun sehen werden.

Ich bemerke, dass ich schlecht vorbereitet bin. Zwar habe ich Lesestoff und eine leichte Jacke für abends dabei, falls es kühler werden sollte, aber die Sonne knallt mir ganz schön auf den Kopf. Zum Schutz binde ich mir die Jacke um den Kopf. Das erregt Heiterkeit bei einer Gruppe von Mädchen, die rechts hinter mir sitzen. Eine erzählt, dass sie eine Schneiderlehre beim Kölner Schauspielhaus macht. In der Kostümabteilung. Cool. Die Q mit Michael auf dem Cover ist natürlich auch willkommener Gesprächsstoff.

Der Abend kommt, die Sonne versteckt sich hinter dem Hotel, vor dem wir sitzen. Seeed treten auf. Ihre Musik ist nicht meine Stil, aber in der langen Geschichte der katastrophalen Vorbands bei R.E.M.-Konzerten in Deutschland sind sie sogar noch ziemlich gut und verbreiten "positive vibrations".

Und dann ist es endlich so weit. Schon bei den ersten Tönen von R.E.M. rasten alle um mich herum aus, klatschen und rufen. Wir stehen fast in der letzten Reihe, hinter uns ist eigentlich nur noch das Hotel, aber die Stimmung ist besser als bei manch anderem Konzert in der ersten Reihe.

Nach "The Great Beyond" spielen R.E.M. "What's the Frequency Kenneth" und von da an gibt es kein Halten mehr. Wir stehen in Reihe 99 von 100, aber alle hüpfen, springen, lachen, klatschen, singen mit, kriegen sich gar nicht mehr ein. Und so geht das ununterbrochen für die kommenden 1,5 Stunden. Adrenalin pur, keine Minute Pause.

Die Setlist:
The Great Beyond
What's The Frequency, Kenneth?
All The Way To Reno (You're Gonna Be A Star)
Cuyahoga
Electrolite
I've Been High
Daysleeper
The Lifting
Find The River
Imitation Of Life
I'll Take The Rain
At My Most Beautiful
The One I Love
She Just Wants To Be
Walk Unafraid
Losing My Religion
Man On The Moon

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So. Central Rain
It's The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)

Die Setlist bietet nichts Spektakuläres, aber wen interessiert's? Die gute Stimmung im Publikum springt auf die Band über und das ganze Konzert besteht von A bis Z aus 1000 % Adrenalin. Ich bin vollkommen weggetreten.

Noch vollkommen aufgedreht fahre ich nach Hause, stürze mich an den Computer, melde mich beim nächstbesten R.E.M.-Forum an und denke: Ich bin bestimmt die Erste, ich werde einen superenthusiastischen Post verfassen. Leider war schon jemand vor mir da. Ein Typ. Er beschwert sich bitter. So ein Scheißkonzert. Man hat ihn nicht auf den Platz gelassen, es gab keine Großbildleinwand, wo er stand, der Sound war auch scheiße, um ihn rum nur Bekloppte. Eins der schlechtesten Konzerte, die er jemals von R.E.M. besucht hat. Mir vergeht die Lust zu posten. Ich mache den Computer wieder aus und renne noch ca. eine Woche lang mit einem entrückten Lächeln auf den Lippen durch die Gegend.

Heute gilt das Konzert als eins der besten von R.E.M.