Sonntag, 20. November 2011

Meek's Cutoff


Man glaubt es kaum, aber selbst das kleine Kino bei mir um die Ecke zeigt manchmal Filme OmU. So kam es, dass ich seit Ewigkeiten mal wieder im Kino war. Ich hatte schon immer eine gewisse Abneigung gegen Synchronisation, aber in den letzten Monaten ist sie so stark geworden, dass ich gar nicht mehr im Kino war.

Was mich diesmal tatsächlich aus dem Haus scheuchte, war der neue Film von Kelly Reichardt ("Wendy and Lucy"), wieder mit Michelle Williams ("Brokeback Mountain") in der Hauptrolle. Nun bin ich ja kein Fan von Western. Aber dies ist kein klassischer Western.

Verkauft wurde Meek's Cutoff als "post-feminist western", als ein Western, der aus der Sicht der Frauen erzählt wird. Ich finde, dass dies der Story Unrecht tut. Es stimmt, dass hier auch die Perspektive der Frauen eine Rolle spielt. Aber darum allein geht es meiner Ansicht nach nicht. Es ist meiner Ansicht nach vielmehr so, dass es sich um einen "post-9/11"-Western handelt. Hier wird die Frage nach dem Vertrauen gestellt.

Der Film erzählt die Geschichte von 3 Familien, die auf dem Oregon Trail sind, auf dem großen Zug nach Westen. Doch diese 3 Familien nehmen eine Abkürzung, den "Cutoff" im Titel. Irgendwo habe ich gelesen, dass es tatsächlich einen Ort namens "Meek's Cutoff" gibt. Ob es allerdings eine Abkürzung ist, sei dahingestellt, denn statt nach einer Woche am Ziel anzukommen, sind die Siedler nach 5 Wochen immer noch unterwegs.

Der Film erzählt seine Geschichte mit großen, beeindruckenden, poetischen Bildern. Nicht im Cinemascope-Format, wie man es von Western gewöhnt ist. Das Bild hat eher Kastenform. Ich hatte das auf die Unfähigkeit des Projektionisten zurückgeführt, weil auch der Ton in unserem Kino komplett daneben war. Aber auch Roger Ebert erwähnte die ungewöhnliche "aspect ratio" in seiner Besprechung, dann lag es wohl doch nicht am Projektionisten! ;o)

Es wird nicht viel geredet, es gibt kaum Großaufnahmen, die meisten werden den Film wohl für langweilig halten. Ich hatte im vorhinein auch meine Zweifel, da meine Aufmerksamkeitsspanne in der letzten Zeit auch merklich kürzer geworden ist. Aber der Film schafft es, wie auch immer, ich kann nicht mal erklären, wie, seine Spannung zu halten. Vermutlich liegt es genau daran, dass so wenig gesprochen wird. Alles wird über die Bilder transportiert, so dass die grauen Zellen ständig arbeiten müssen, ständig interpretieren müssen, ständig auf der Hut sein müssen, nichts zu verpassen.

Tja, und dann steht die große Frage im Raum. Was sollen wir tun? Nach wochenlangem Umherirren sind die Siedler irgendwo im Nirgendwo, die Wasservorräte gehen zu Ende und niemand weiß, wie vertrauenswürdig der großmäulige Führer Meek ist. Dann treffen sie auf einen einsamen Indianer und beschließen, sich von ihm führen zu lassen. Aber ist das eine gute Idee?

Der Film bietet wirklich viel Stoff zum Nachdenken. Was würde man selbst tun in einer solchen Situation? Wenn das eigene Leben davon abhängt, welche Entscheidung man trifft. Wem man vertraut. Wenn man aber leider keine "Pro und kontra"-Listen aufstellen kann, weil man nicht weiß, wie man die eigene Situation beurteilen soll. Alle bekannten Maßstäbe versagen, man weiß nicht, wie die Faktenlage ist, also kann man nur nach dem Bauchgefühl gehen. Und was, wenn das Bauchgefühl der einzelnen Mitglieder der Gruppe jeweils etwas anderes sagt? Was tun?

Der Film ist ein einziges großes Fragezeichen und beantwortet keine der aufgeworfenen Fragen zufriedenstellend. Aber das allein ist schon eine sehr beeindruckende Botschaft. Und eine, die sehr gut ins 21. Jahrhundert passt, auch wenn der "Western" als Filmgenre antiquiert wirkt. Im Angesicht des Terrors und der Eurokrise, wem sollen wir vertrauen? Sollen wir weitermachen wie bisher, dem einmal eingeschlagenen Weg weiter folgen? Sollen wir dem großmäuligen weißen Mann oder dem unbekannten roten Mann vertrauen? Wer kann uns aus der Krise helfen? Und wie gehen wir mit abweichenden Meinungen um? Wie sollen wir unser Überleben sichern? Eine zufriedenstellende Antwort kann es wohl nicht geben, denn niemand von uns kennt alle Fakten. Uns allen bleibt wohl nur das Bauchgefühl. Die "weibliche" (?) Intuition.